Geboren werden und Sterben in Pohlheim

Diskussion über die Rückkehr zentraler Lebensereignisse in die Mitte Gesellschaft

Unter dem Titel „Geboren werden und Sterben in Pohlheim“ diskutierten am Stammtisch der Grünen in Pohlheim im Holzheimer Geburtshaus die Hebamme Julia Stoffer, Leiterin des Geburtshauses, und der Palliativmediziner Prof. Dr. Ulf Sibelius mit zahlreichen Gästen über Anfang und Ende des Lebens. Dabei wurde deutlich, dass beide Lebensereignisse heute zunehmend von technischen und institutionellen Strukturen geprägt werden.

Julia Stoffer berichtete über die Herausforderungen der außerklinischen Geburtshilfe. Das Geburtshaus in Holzheim gehört zu den letzten Einrichtungen seiner Art im Landkreis Gießen, während zugleich immer weniger Hebammen zu Hause oder in Geburtshäusern begleiten.

Prof. Dr. Sibelius verwies auf die Folgen des demografischen Wandels: Immer mehr Menschen werden künftig auf Pflege und palliativmedizinische Versorgung angewiesen sein, während die Finanzierung des Gesundheitswesens unter Druck gerät.

Einigkeit bestand darüber, dass moderne Medizin sowohl Segen als auch Herausforderung ist. Einerseits rettet sie Leben, andererseits verlagert sie Geburt und Sterben immer stärker in Kliniken. Dabei seien weder Geburt noch Sterben Krankheiten, sondern natürliche Prozesse des Lebens. Außerklinische Geburten und eine gute palliative Versorgung könnten helfen, diese Ereignisse wieder stärker in das familiäre und dörfliche Umfeld einzubetten.

Auch die Rolle der Kommunen wurde thematisiert. Diskutiert wurde die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“, (1) die den Aufbau sogenannter sorgender Gemeinschaften empfiehlt. In diesem Zusammenhang wurde die aktuelle Debatte über die Einführung einer Gemeindeschwester aufgegriffen. Die Grünen haben diese Diskussion in Pohlheim angeregt, da ein solches Angebot ältere und hilfebedürftige Menschen unterstützen, Versorgungslücken schließen und ein selbstbestimmtes Leben im vertrauten Umfeld fördern kann.

Zudem wurde auf die schwierigen Rahmenbedingungen für freiberufliche Hebammen und Geburtshäuser hingewiesen. Hohe und zum Teil nicht sachgerechte Anforderungen, etwa im Bereich der Hygiene, erschwerten den Betrieb. Als weitere Herausforderung wurde die berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit mit niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen genannt, die unter anderem durch Abrechnungsvorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung erschwert werde.

Zu Gast war außerdem Israel Be Josef, der für die SPD als Bürgermeister kandidiert und von Bündnis 90/Die Grünen unterstützt wird. Er warb dafür, die anstehenden Zukunftsaufgaben in Pohlheim gemeinsam anzugehen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Alle waren sich einig, dass es dafür Begegnungsräume braucht, die an keine Bedingungen geknüpft sind.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Gesundheitsfürsorge, Mitmenschlichkeit und eine lebendige Sorgekultur gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig: Geburt und Sterben gehen die gesamte Gesellschaft an und benötigen mehr Aufmerksamkeit im öffentlichen Leben.

(1): Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V. (DGP), Deutsche Hospiz- und PalliativVerband e.V. (DHPV) und Bundesärztekammer (BÄK), 2025